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Beobachten

Phänologie

Annus fructificat, non terra

Das Jahr bringt die Frucht, nicht die Erde. Dem großen Gelehrten Paracelsus (1493 bis 1541) wird dieses Zitat zugeschrieben, genaugenommen brachte er aber nur zu Papier, was schon die Griechen und die alten Ägypter wußten: die Jahresrhytmik der Witterungsfaktoren und der Tageslängen haben einen entscheidenden Einflußauf die landwirtschaftliche Produktion. Daraus läß sich umgekehrt ableiten, daß bei genauer Beobachtung des Naturverlaufes Prognosen über die weitere Vegetationsentwicklung – insbesondere über den Erntezeitpunkt – möglich sind.

Die Lehre von den Erscheinungen

Die präzise Naturbeobachtung ist genau unser Thema! Es geht längst nicht mehr ausschließich um landwirtschaftliche Fragestellungen. Die Jahresrhytmik betrifft ja alle Organismengruppen und der “Naturkalender“ kann mithilfe von Pflanzen, Vögeln, Schmetterlingen, Erdkröten oder Pilzen geschrieben werden. Eigentlich haben fast alle Naturerscheinungen eine Kalender-Komponente. Davon leitet sich auch der Name der zugehörigen Forschungsdisziplin ab: Phänologie. Die Lehre von den Erscheinungen. Sie befaßt sich mit dem im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen in der Natur.

Wer, bitte, braucht Phänologie?

Gegenfrage: Wer nicht? Die Qualität unseres Naturerlebens ist in hohem Maß vom Naturkalender abhängig. Vom Sonntagsausflug in die Kirschblüten-Region bis zum ausgefeilten Management-Konzept für einen Trockenrasen – ohne eine genaue Beachtung des phänologischen korrekten Zeitpunktes wird nichts draus! Die Landwirtschaft war immer schon angewandte Phänologie und Imkerei ist ohne genaues Wissen um die Jahreszeitlichkeit der Trachtpflanzen fast undenkbar. Wer das Pech hat, Pollenallergiker zu sein, ist selbst ein überaus empfindlicher Phänoindikator und ist wahrscheinlich über rechtzeitige Information über Belastungssituationen dankbar.

Die goldenen Jahre

Mitte des vorigen Jahrhunderts waren die goldenen Jahre der Phänologie. Mit verhältnismäßg einfachen Mitteln, aber mit großem Engagement wurden Schüler, Lehrer, öffentliche Stellen und viele Freiwillige angehalten, Meldezettel auszufüllen und an eine Auswertezentrale zu schicken. Die Motoren dieser Phänologie-Welle waren die Herren Rosenkranz und Werneck. Bis heute sind die daraus entwickelten phänologischen Karten im Prinzip gültig, auch wenn sich großäumige klimatische Änderungen ergeben haben. Die Kartenblätter haben Eingang in den Länderatlanten der 50er und 60er-Jahre gefunden.

Phänologie braucht Menschen

Phänologische Beobachtungen kann man zwar als Einzelperson durchführen (und viele Menschen haben ihr Leben lang akribisch die Naturerscheinungen in ihrem Umfeld aufgezeichnet), wirklich spannend wird es aber, wenn auch eine entsprechende Beobachtungsdichte entsteht. Da gerät der Einzelne leicht an seine Leistungs- und Mobilitätsgrenze. Wir von der naturbegleiter-crew sind überzeugt, daß es durch den Einsatz moderner Informationstechnologie möglich sein muß, die gute alte Phänologie wieder neu zu beleben.

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